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S 42 AY 55/26 ER · SG München — Leistungskürzung nach § 1a AsylbLG wegen abgelehnter Arbeitsgelegenheit unionsrechtswidrig — SNTIQ
SGSG MünchenS 42 AY 55/26 ER2026-07-06Beschluss
Leistungskürzung nach § 1a AsylbLG wegen abgelehnter Arbeitsgelegenheit unionsrechtswidrig
Sozialgericht München · Verfahren: Einstweiliger Rechtsschutz (§ 86b SGG)
Deutsch
Das SG München lässt § 5 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 1a Abs. 1 AsylbLG wegen des Anwendungsvorrangs des Unionsrechts unangewendet: Die Rechtsfolge des § 1a Abs. 1 AsylbLG (kein Bekleidungsbedarf, kein Taschengeld) verstößt gegen Art. 17 Abs. 2 i.V.m. Art. 2 lit. g der Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU — so der EuGH im Urteil C-621/24 vom 04.06.2026. Die Nichtwahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit ist weder nach der RL 2013/33/EU noch nach der Neufassung RL (EU) 2024/1346 (Art. 23 Abs. 2) ein zulässiger Kürzungsgrund. Der Landkreis wurde verpflichtet, vorläufig ungekürzte Grundleistungen nach §§ 3, 3a AsylbLG zu gewähren.
English
The Munich Social Court disapplied § 5(4) sent. 2 in conjunction with § 1a(1) AsylbLG under the primacy of EU law: the legal consequence of § 1a(1) AsylbLG (no clothing allowance, no pocket money) violates Art. 17(2) in conjunction with Art. 2(g) of Reception Directive 2013/33/EU — as held by the CJEU in C-621/24 (4 June 2026). Refusing a work opportunity is not a permissible ground for benefit cuts under either Directive 2013/33/EU or the recast Directive (EU) 2024/1346 (Art. 23(2)). The district was ordered to provisionally grant full basic benefits under §§ 3, 3a AsylbLG.
Русский
Социальный суд Мюнхена не применил § 5 абз. 4 предл. 2 в связке с § 1a абз. 1 AsylbLG в силу приоритета права ЕС: правовое последствие § 1a абз. 1 AsylbLG (без пособия на одежду и карманных денег) нарушает ст. 17 (2) в связке со ст. 2 (g) Директивы о приёме 2013/33/EU — так решил Суд ЕС в деле C-621/24 (04.06.2026). Отказ от предложенной работы (Arbeitsgelegenheit) не является допустимым основанием урезания пособий ни по Директиве 2013/33/EU, ни по новой Директиве (EU) 2024/1346 (ст. 23 (2)). Округ обязали временно выплачивать полные базовые пособия по §§ 3, 3a AsylbLG.
Українська
Соціальний суд Мюнхена не застосував § 5 абз. 4 реч. 2 у поєднанні з § 1a абз. 1 AsylbLG через примат права ЄС: правовий наслідок § 1a абз. 1 AsylbLG (без допомоги на одяг і кишенькових грошей) порушує ст. 17 (2) у поєднанні зі ст. 2 (g) Директиви про прийом 2013/33/EU — так вирішив Суд ЄС у справі C-621/24 (04.06.2026). Відмова від запропонованої роботи (Arbeitsgelegenheit) не є допустимою підставою для скорочення виплат ні за Директивою 2013/33/EU, ні за новою Директивою (EU) 2024/1346 (ст. 23 (2)). Округ зобов'язали тимчасово виплачувати повні базові виплати за §§ 3, 3a AsylbLG.
Aus dem Anwendungsvorrang des Unionsrechts folgt unmittelbar die Verpflichtung der Kammer, § 5 Abs. 4 i.V.m. § 1a AsylbLG als unionsrechtswidrige Norm unangewendet zu lassen, ohne dass deren Aufhebung durch den Gesetzgeber oder ein Verfassungsgericht abgewartet werden müsste.
Volltext (anonymisiert)
In dem Antragsverfahren [des Antragstellers] gegen Landkreis Erding — Sozialhilfeverwaltung — wegen Angelegenheiten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erlässt der Vorsitzende der 42. Kammer, Richter am Sozialgericht Ehegartner, ohne mündliche Verhandlung am 6. Juli 2026 folgenden Beschluss:
I. Der Antragsgegner wird unter Anordnung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs vom 04.05.2026 gegen den Bescheid vom 07.04.2026 im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, dem Antragsteller vorläufig Grundleistungen nach §§ 3, 3a AsylbLG für die Zeit von 04.05.2026 bis 31.10.2026 zu gewähren. Im Übrigen wird der Antrag abgelehnt.
II. Der Antragsgegner hat die notwendigen außergerichtlichen Kosten des Antragstellers zu erstatten.
Gründe (I.):
In Streit steht eine Einschränkung des Leistungsanspruchs gemäß § 5 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 1a Abs. 1 AsylbLG wegen Nichtwahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit. Der 1976 in der Ukraine geborene Antragsteller ist 2025 mit seinem minderjährigen Sohn eingereist und hat Asyl beantragt, nachdem sein Haus durch Bombenangriffe zerstört worden sei. Über den Asylantrag wurde noch nicht entschieden. Der Antragsgegner verpflichtete ihn mit Bescheid vom 30.07.2025 zu Reinigungstätigkeiten in der Gemeinschaftsunterkunft als Arbeitsgelegenheit (§ 5 AsylbLG); der Antragsteller lehnte dies unter Verweis auf gesundheitliche Probleme ab. Ein ärztliches Attest vom 23.04.2026 dokumentiert eine komplexe Erkrankung des rechten Auges (Zustand nach dreimaligem Netzhautriss, Hornhauttrübung, Glaskörpertrübung, Katarakt, Myopie); Tätigkeiten mit hohen Anforderungen an die Sehqualität sowie das Heben schwerer Lasten seien zu vermeiden. Mit Bescheid vom 07.04.2026 hob der Antragsgegner die Grundleistungen zum 30.04.2026 auf und gewährte für 01.05.–31.10.2026 nur noch Leistungen zur Deckung des unabwendbar gebotenen Bedarfs (insgesamt € 103,54), gestützt auf § 9 Abs. 4 AsylbLG i.V.m. § 48 Abs. 1 Satz 1 SGB X sowie § 5 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 1a Abs. 1 AsylbLG. Widerspruch vom 04.05.2026; zugleich Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz.
Gründe (II., gekürzt):
1. Der angefochtene Bescheid stellt sich als rechtswidrig dar. Nach Aktenlage kann dahinstehen, ob der Antragsteller einen berechtigten Grund hatte, die Arbeitsgelegenheit abzulehnen.
2. Denn ungeachtet der Tatbestandsvoraussetzungen stellt sich die Anspruchseinschränkung als rechtswidrig dar, weil die in § 1a Abs. 1 AsylbLG geregelte Rechtsfolge unionsrechtswidrig ist. Auf die Vorlage des BSG (Beschluss vom 25.07.2024 — B 8 AY 6/23 R) hat der EuGH mit Urteil vom 04.06.2026 (C-621/24) erkannt, dass Art. 17 Abs. 2 i.V.m. Art. 2 lit. g der RL 2013/33/EU einer nationalen Regelung entgegensteht, nach der die im Rahmen der Aufnahme gewährten materiellen Leistungen so eingeschränkt werden, dass sie — außer in besonderen Fällen — Sachleistungen zur Deckung des Bedarfs an Kleidung und Geldleistungen zur Deckung des notwendigen persönlichen Bedarfs nicht mehr umfassen. Von dem gebotenen angemessenen Lebensstandard darf nur in den von der Richtlinie ausdrücklich geregelten Fällen (Art. 17 Abs. 3 und 4, Art. 20) abgewichen werden; Art. 17 Abs. 5 ist keine Ermächtigung zur Absenkung des Leistungsniveaus (EuGH, a.a.O., Rn. 63, 69 f.).
3. Die unberechtigte Nichtwahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit ist weder von Art. 17 Abs. 3 und 4 noch von Art. 20 der RL 2013/33/EU erfasst. Da § 1a Abs. 1 AsylbLG weder Leistungen für Bekleidung noch ein Taschengeld vorsieht, verstößt die Norm gegen Art. 17 Abs. 2 i.V.m. Art. 2 lit. g der Richtlinie. Einer unionsrechtskonformen Auslegung ist § 5 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 1a Abs. 1 AsylbLG nicht zugänglich; dies widerspräche der klaren Intention des Gesetzgebers und dem Regel-Ausnahme-Verhältnis der Norm. Aus dem Anwendungsvorrang des Unionsrechts folgt unmittelbar die Verpflichtung der Kammer, die Norm unangewendet zu lassen (vgl. EuGH, C-715/20; C-42/17; BVerfG, „Solange II“).
4. Gleiches gilt im Anwendungsbereich der Neufassung RL (EU) 2024/1346 (Umsetzungsfrist 12.06.2026): Aus Art. 2 Nr. 7 i.V.m. Art. 19 Abs. 2 UA 1 folgt die Verpflichtung zur Gewährung von Bekleidung; die Sanktion der Nichtwahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit ist kein Kürzungsgrund nach dem abschließenden Katalog des Art. 23 Abs. 2 — insbesondere ist die Arbeitsgelegenheit zur Reinigung der Gemeinschaftsunterkunft keine „obligatorische Integrationsmaßnahme“ i.S.v. Art. 23 Abs. 2 lit. f.
5. Anordnungsanspruch und Anordnungsgrund sind glaubhaft gemacht. Für die aktuelle Bedürftigkeit spielt keine Rolle, dass der Antragsteller früher Sozialleistungen aus der Ukraine erhielt: Nach § 7 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG kann nur Einkommen berücksichtigt werden, das tatsächlich zur Bestreitung des Lebensunterhalts zur Verfügung steht; die Zahlungen sind seit 30.10.2025 eingestellt.
6. Vorläufige Leistungen werden zur Meidung einer Vorwegnahme der Hauptsache befristet bis 31.10.2026 zugesprochen. Die Kostenentscheidung folgt aus § 193 SGG analog.
angewendet
Auch nach der Neufassung: Nichtwahrnehmung einer Arbeitsgelegenheit ist kein Kürzungsgrund i.S.v. Art. 23 Abs. 2; Arbeitsgelegenheit ist keine „obligatorische Integrationsmaßnahme“ (lit. f)